Alles auf Anfang
Kindheit im Ruhrgebiet der späten 70er und 80er Jahre. Uff.
Für ungewöhnliche Menschen nicht leicht, gab es doch kaum Kenntnisse über die Vielfalt an Neurodivergenz. Rückblickend also Trainingslager im Kampf gegen Mobbing, Ausgrenzung und Gewalt.
Das gilt für viele Menschen - damals wie heute - aus den verschiedensten Gründen. Mein Weg heißt früh-diagnostizierte Hochbegabung und spät-diagnostiziertes Autismus-Spektrum.
Was geht - auch mit Autismus
- das Glück, seit vielen Jahren einen liebenden Menschen an meiner Seite zu haben. Und eine tolle kleine Familie zu haben.
- Schule und Studium bis zum promovierten Volkswirt (PhD)
- Beruf als Marketing Analyst, Data Manager und aktuell als Data Scientist für Konjunkturdaten
- eine Reihe wissenschaftlicher Artikel veröffentlicht
- eine Reihe von Kurzgeschichten geschrieben und einige davon publiziert
(Zweimal nominiert im bundesweiten Weltentor-Wettbewerb des Noel-Verlages) - einen Roman zumindest fertig geschrieben
- Katholischer Knabenchor, Bundeswehrdienst
(Hey! Autisten lieben strukturierte Umgebungen.😊) - und - na klar - eine Vielzahl von weniger praktischen Projekten, wie bei vermutlich jedem Hochbegabten und /oder Autisten (überspringen): Kalligraphie, Fremdsprachen, ein wenig Programmieren, Board-Gaming, sehr viel E-Gaming, Film-Nerd, hochmittelalterliche Gewandung von Hand nähen , klassischer Gesang, moderne Musik-Produktion, Bild- und Videobearbeitung, und...und...und...
Niemand kämpft allein
Natürlich hatte ich durch meine damalige Freundin und jetzige Ehefrau viel Hilfe. Ich hatte Feedback, regelmäßige Begleitung und - nicht zuletzt - gemeinsame Nerd-Interessen. Ich hatte viel Unterstützung durch Freunde, durch Therapeuten und Ärzte.
Damit jetzt keiner sagt, ich hatte es leichter als andere Neurodivergente: Scheidungskind, zerstrittene Verhältnisse, verschwundene Geschwister, frühe Todesfälle. Ich kenne Armut und ich kenne den Geruch von Altkleiderspenden in meinem Kinderzimmer. Ich habe diese Grenzen überwunden. Es ist OK.
Vieles geht nicht - muss auch nicht
Und natürlich hat vieles auch nicht geklappt. Auch mit Anstrengung und Übung nicht.
Ich habe es nicht geschafft Kirchenmusiker zu werden. Ich war nicht erfolgreich als Mit-Gründer eines Online-Versandhandels (funktionierte, aber die Kosten liefen weg). Ich habe es als Wissenschaftler nicht geschafft, Teil eines aktiven persönlichen Netzwerks zu werden.
Ich habe noch heute viele Ängste in meinem Leben. Bäckereien machen mir Angst, telefonieren, Menschengruppen ab drei Personen. Ich habe Probleme mit öffentlichen Verkehrsmitteln, insbesondere mit Fernzügen. Regen, Multiplex-Kinos, in Restaurants bezahlen. Ich hole mir Hilfe, um Formulare auszufüllen, weil ich die Formulierungen zu wörtlich verstehe.
Poliere es auf Hochglanz.
Was mich nicht umbringt…
Und ich musste lernen, dass ich nicht alles durch Anstrengung erreichen kann. Im Jahr 2019 war meine nervliche Kraft am Ende. Schwere Angststörungen und Entkräftung waren die Folge. Durch Meditation, veränderte Ernährung und mit Krafttraining konnte ich weitermachen. Beruf und Gesundheit blieben erhalten. Eine lehrreiche Krise.
Scheitern und Krisen können Energie für Veränderungen freisetzen. Gerade für Asperger-Autisten gilt beispielsweise, dass man uns sehr gut übertölpeln kann. Wir verstehen Sarkasmus schlecht, Sub-Text entgeht uns, wir sind oft geradezu naiv. Und dann rufen wir Superhelden-Kräfte ab: überdurchschnittliche Ausdauer, masochistische Lerndisziplin, Beobachtungsgabe wie bei "The Mentalist". Wir kommen wieder, wir machen es beim zweiten Mal besser. Oder beim dritten Mal....
Ich habe viel gelernt. Und lerne immer weiter, weil sich die Umwelt ändert.